Syros – die faszinierende Kykladeninsel, die nicht ins Klischee passt

Wer bei den Kykladen zuerst an weiß gekalkte Würfelhäuser, blaue Kuppeln und kleine Chores denkt, bekommt auf Syros schon bei der Einfahrt in den Hafen von Ermoupoli ein anderes Bild serviert.

Statt einer überschaubaren Inselhauptstadt liegt dort eine richtige Stadt am Hang: neoklassizistische Fassaden, mehrgeschossige Häuser, zwei markante Kirchenhügel, ein großer Hafen und am südlichen Rand sogar Werftanlagen.

Syros gehört ohne jeden Zweifel zu den Kykladen. Trotzdem wirkt die Insel an vielen Stellen, als hätte sie sich bewusst nicht an die üblichen Gestaltungsvorgaben gehalten. Das Interessante ist aber: Nur wenige Kilometer weiter oben am Hang findet man mit Ano Syros plötzlich genau jene enge, weiß gekalkte Chora, die man auf einer Kykladeninsel erwartet.

Dieser Gegensatz ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer ungewöhnlichen Geschichte.

Der Syros: Eine Insel mit zwei völlig verschiedenen Gesichtern

Syros ist nicht nur irgendeine Insel der Kykladen. Ermoupoli ist ihre Hauptstadt und zugleich Verwaltungssitz der gesamten Region Südliche Ägäis, zu der neben den Kykladen auch die Dodekanes gehören. Damit besitzt die Insel eine politische und administrative Bedeutung, die weit über ihre eigene Größe hinausgeht.

Das Besondere lässt sich schon mit einem einzigen Blick erklären. Auf der einen Seite liegt Ermoupoli, eine im 19. Jahrhundert entstandene neoklassizistische Stadt. Darüber und etwas versetzt sitzt Ano Syros, ein mittelalterlicher Ort mit schmalen Treppengassen, weiß gekalkten Häusern und Bögen.

Diese beiden Siedlungen entstanden unter völlig unterschiedlichen Voraussetzungen. Der ältere Ort entwickelte sich auf einem Hügel, weit genug vom Meer entfernt, um in unsicheren Zeiten Schutz zu bieten. Ermoupoli dagegen verdankt seine Existenz gerade dem Meer: Handel, Hafen und Schifffahrt machten die junge Stadt groß.

Wer beide Orte nacheinander besucht, sieht deshalb nicht einfach zwei hübsche Stadtteile. Er läuft innerhalb weniger Kilometer durch mehrere Jahrhunderte griechischer Geschichte.

Ano Syros: Das Kykladen-Klischee hat einen ernsten Ursprung

Ano Syros wirkt auf den ersten Blick vertraut. Enge Gassen, unzählige Treppen, weiß gekalkte Häuser, Bögen über schmalen Durchgängen und kaum Platz für Autos. Genau so stellt man sich eine traditionelle Chora der Kykladen vor.

Gebaut wurde der Ort in seiner heutigen Prägung vor allem im 13. Jahrhundert unter venezianischem Einfluss auf dem Gelände einer älteren Siedlung. Die Lage hoch über dem Meer war nicht gewählt worden, damit spätere Urlauber eine schöne Aussicht haben. Sie bot Schutz vor Piratenangriffen. Ano Syros war befestigt, besaß starke Mauern und sieben Zugangstore; nur zwei davon sind erhalten.

Auch die verwinkelte Struktur hatte einen Zweck. In einem dicht gebauten Ort mit engen Gassen, Treppen und wenigen kontrollierbaren Zugängen bewegte sich ein Angreifer erheblich schlechter als in einer offenen Siedlung am Hafen. Was wir heute als pittoresk empfinden, war ursprünglich Teil eines Schutzsystems.

Damit erklärt sich auch, warum der ältere Ort so viel stärker dem vertrauten Bild einer Kykladen-Chora entspricht als Ermoupoli. Auf mehreren Inseln entwickelten sich Siedlungen erhöht, kompakt und teilweise befestigt; Schutz vor Angriffen und Piraterie spielte dabei eine wichtige Rolle.

Die weißen Fassaden und schmalen Gassen wurden später zum touristischen Markenzeichen der Kykladen – ihre Siedlungsform hatte aber vielerorts sehr praktische historische Gründe.

Über dem Ort steht die katholische Kathedrale Agios Georgios. Und damit kommt eine zweite Besonderheit ins Spiel.

Warum Syros eine starke katholische Tradition besitzt

Eine katholische Kathedrale über einer griechischen Kykladeninsel wirkt zunächst ungewöhnlich. Hier ist sie das sichtbare Ergebnis einer jahrhundertelangen Entwicklung.

Unter venezianischem Einfluss festigte sich dort eine katholische Gemeinde, die auch in der osmanischen Zeit bestehen blieb. Die Insel entwickelte dadurch einen religiösen Charakter, der sie innerhalb der Kykladen deutlich abhebt. Katholische und orthodoxe Traditionen existierten über lange Zeit nebeneinander und prägen die Insel bis heute.

Das wird in Ermoupoli besonders anschaulich. Blickt man vom Hafen hinauf, stehen sich gewissermaßen zwei religiös geprägte Höhen gegenüber: der ältere Ort mit Agios Georgios und auf der anderen Seite der orthodox geprägte Teil der jüngeren Stadt.

Der oft beschriebene Gegensatz „katholischer Hügel gegen orthodoxen Hügel“ ist zwar eine Vereinfachung des heutigen Stadtlebens, macht die historische Entwicklung aber auf einen Blick sichtbar.

Ermoupoli: Eine Stadt, die aus einer Flüchtlingsbewegung entstand

Der vielleicht erstaunlichste Teil der Inselgeschichte beginnt während des griechischen Unabhängigkeitskrieges. Ab den frühen 1820er-Jahren kamen Flüchtlinge unter anderem aus Chios, Psara und Kleinasien auf die Insel. Sie suchten Schutz und gründeten am Hafen unterhalb der mittelalterlichen Oberstadt eine neue Siedlung.

Aus diesem Zufluchtsort entstand in erstaunlich kurzer Zeit Ermoupoli.

Die Neuankömmlinge brachten Handelskontakte, handwerkliches Können und Erfahrung in Schifffahrt und Gewerbe mit. Die Lage im Zentrum der Ägäis tat ihr Übriges. Noch bevor Athen und Piräus ihre spätere wirtschaftliche Bedeutung erreicht hatten, entwickelte sich Ermoupoli zu einem der wichtigsten Handels- und Schifffahrtszentren des jungen griechischen Staates.

Im 19. Jahrhundert war die Stadt zeitweise das größte Hafen- und eines der wichtigsten Industriezentren Griechenlands. Neben Schiffbau entstanden Gerbereien, Mühlen, Textilbetriebe und Lagerhäuser. Aus einer Flüchtlingssiedlung war innerhalb weniger Jahrzehnte eine selbstbewusste bürgerliche Stadt geworden.

Neoklassizismus statt Würfelhaus: Der Wohlstand wird sichtbar

Dieser wirtschaftliche Aufstieg erklärt, warum Ermoupoli so gar nicht wie die mittelalterliche Oberstadt aussieht.

Wer Geld mit Handel und Schifffahrt verdiente und sich als Teil einer modernen europäischen Handelsstadt verstand, wollte offensichtlich nicht in einer mittelalterlichen Wehrstruktur wohnen. Ermoupoli wurde offen, repräsentativ und städtisch gebaut. Der Miaouli-Platz, das große Rathaus, das Apollon-Theater und die herrschaftlichen Häuser von Vaporia sind Ausdruck dieses Selbstverständnisses.

Das Rathaus, entworfen von Ernst Ziller, dominiert den Miaouli-Platz geradezu. Das Apollon-Theater wiederum zeigt, dass es nicht nur um Handel und Geld ging. Eine wohlhabende Bürgerschaft erwartete auch kulturelle Einrichtungen.

Gerade dieser Kontrast macht die Insel interessant: oben eine mittelalterliche, katholisch geprägte Chora mit Treppengassen; unten eine neoklassizistische Hafenstadt mit Theater, Rathaus und großen Bürgerhäusern. Dass beides zum selben Inselhauptort gehört, ist in den Kykladen außergewöhnlich.

Tarsanas und Neorion: Schiffbau als Teil der Stadtgeschichte

Der Wohlstand von Ermoupoli wäre ohne das Meer kaum denkbar. Dazu gehörte nicht nur der Handel, sondern auch der Schiffbau.

Am südlichen Rand des Hafens liegt Karnagio beziehungsweise Tarsanas. Die Gemeinde bezeichnet ihn als älteste Werft der Kykladen. Seit dem 19. Jahrhundert werden dort Holzboote gebaut und repariert. Die flach abfallende Küste eignete sich dafür, Schiffe aus dem Wasser zu ziehen; handwerkliches Wissen rund um den Holzschiffbau konnte sich hier bis heute halten.

Dabei sollte man keine museale Kulisse erwarten. Bei meinem Besuch lagen dort nicht nur kleine traditionelle Fischer-Kaikia, auf die ich insgeheim gehofft hatte, sondern auch deutlich größere Holzfahrzeuge und Ausflugsschiffe. Gerade das macht Tarsanas aber glaubwürdig: Es ist keine dekorierte Vorführung alter Handwerkskunst für Touristen, sondern ein Arbeitsort.

Ein Stück weiter zeigt Neorion die industrielle Seite derselben maritimen Tradition. Große Schiffe in den Docks, Kräne und technische Anlagen passen optisch kaum in das übliche Kykladenmotiv. Historisch passen sie dafür umso besser zur Insel. Schiffbau war hier kein romantisches Nebengewerbe, sondern ein wesentlicher Bestandteil der wirtschaftlichen Entwicklung Ermoupolis.

Markos Vamvakaris: Rebetiko aus den Gassen von Ano Syros

Eine Insel mit dieser sozialen Mischung brachte auch kulturell Eigenes hervor. Einer der bedeutendsten Musiker des Rebetiko, Markos Vamvakaris, wurde 1905 in Ano Syros geboren.

Sein ehemaliges Familienhaus beherbergt heute ein kleines Museum. Dort sind persönliche Gegenstände, Fotografien, Manuskripte und Erinnerungsstücke ausgestellt. Vamvakaris führte kein sorgenfreies Künstlerleben aus dem Reisekatalog. Armut, harte Arbeit und später musikalischer Erfolg gehörten gleichermaßen zu seiner Biografie.

Sein Lied „Frangosyriani“ verbindet ihn bis heute unmittelbar mit seiner Heimatinsel. Wer durch die Oberstadt geht, begegnet seinem Namen immer wieder. Damit bekommt der Ort neben seiner mittelalterlichen und katholischen Geschichte noch eine weitere Ebene: Er ist auch ein wichtiger Schauplatz der griechischen Musikgeschichte.

Loukoumi: Eine süße Folge der Handelsstadt

Auch die berühmten Loukoumia passen erstaunlich gut in diese Geschichte.

Die Süßigkeit wird auf der Insel seit fast zwei Jahrhunderten hergestellt. Rose, Mastix, Bergamotte und Vanille gehören zu den klassischen Aromen. Ihre Etablierung auf der Insel steht in engem Zusammenhang mit jener urbanen Handels- und Handwerkskultur, die sich im 19. Jahrhundert in Ermoupoli entwickelte.

Ich durfte während meines Aufenthalts in einer Manufaktur bei der Herstellung zusehen. Wer nur die fertigen, mit Puderzucker bedeckten Würfel aus der Schachtel kennt, unterschätzt schnell, wie viel Erfahrung hinter Konsistenz, Kochen, Schneiden und Verarbeitung steckt. Dieses Handwerk verdient allerdings einen eigenen Artikel.

Hier reicht zunächst die Feststellung: Loukoumi ist dort kein beliebiges Souvenir, das irgendwann für Touristen erfunden wurde. Es gehört seit Generationen zur lokalen Produktion und zur wirtschaftlichen Geschichte der Insel.

Warum Syros gerade wegen seiner Gegensätze spannend ist

Die Insel lässt sich deshalb schwer mit einem einzigen Postkartenmotiv erklären.

Die mittelalterliche Oberstadt erfüllt auf den ersten Blick fast jedes Klischee einer Kykladen-Chora – und zeigt bei genauerem Hinsehen, warum diese Siedlungsform überhaupt entstand. Ermoupoli erzählt dagegen von Flüchtlingen, Handel, Wohlstand und einem städtischen Selbstbewusstsein, das im 19. Jahrhundert in Griechenland seinesgleichen suchte.

Tarsanas und Neorion erinnern daran, dass die Insel gearbeitet und produziert hat. Vamvakaris steht für eine Musiktradition, die weit über die Insel hinausreicht. Loukoumi wiederum verbindet die Handelsstadt mit einem Produkt, das bis heute hergestellt wird.

Natürlich gibt es dort auch Strände, kleine Buchten, weiß getünchte Häuser und blaues Meer. Wer nur danach sucht, wird ebenfalls fündig. Aber damit würde man ausgerechnet das übersehen, was die Insel interessant macht.

Fazit: Syros muss nicht wie die Kykladen aus dem Reisekatalog aussehen

Syros ist keine Gegenwelt zu den Kykladen. Die Oberstadt beweist eher das Gegenteil. Die Insel vereint lediglich ungewöhnlich viele verschiedene Kapitel griechischer Geschichte auf engem Raum.

Mittelalterliche Chora und neoklassizistische Stadt, katholische und orthodoxe Tradition, Holzschiffbau und Industriewerft, Rebetiko und traditionsreiche Süßwarenproduktion stehen hier nicht künstlich nebeneinander. Sie sind Folgen derselben wechselvollen Entwicklung.

Gerade deshalb würde ich die Insel nicht als die „untypische“ Kykladeninsel im Sinne eines Außenseiters bezeichnen. Sie zeigt vielmehr, wie viel vielfältiger die Kykladen sind, als das bekannte Bild aus weißer Wand, blauer Kuppel und Bougainvillea vermuten lässt.
Und genau deshalb lohnt sich ein genauerer Blick.

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