Der böse Blick – Wenn Bewunderung zur Gefahr wird
Du sitzt in einer Taverne, die Stimmung ist ausgelassen, das Essen schmeckt hervorragend. Doch plötzlich, wie aus dem Nichts, hämmert der Kopf. Eine bleierne Müdigkeit legt sich über dich, obwohl du eben noch voller Energie warst. Vielleicht ist dir das Glas Wein nicht bekommen? Oder die Sonne war zu stark?
Wenn du diese Frage in Griechenland laut stellst, wirst du oft eine ganz andere Diagnose hören, meistens von einer älteren Dame am Nebentisch oder der Wirtin, die dich besorgt mustert: „Mati“. Du hast das „Mati“. Jemand hat dich „matiasmen“, dir also den bösen Blick zugeworfen.
Was für rational denkende Mitteleuropäer wie purer Aberglaube klingt, ist in Griechenland eine unumstößliche Realität, die tief im kulturellen Alltag verwurzelt ist. Es ist ein Phänomen, das Generationen verbindet, Physik-lehrer mit tiefgläubigen Omas vereint und selbst von der orthodoxen Kirche nicht gänzlich bestritten wird: Es gibt ihn: Der böse Blick.
Doch was steckt wirklich hinter dem blauen Auge, das uns an jedem Souvenirstand anstarrt? Und warum spucken Griechen scheinbar grundlos auf Menschen, die sie mögen?
Tauche ein in die Welt des „Kako Mati“ – eine Welt zwischen Magie, Religion und verblüffenden Ritualen.
Was ist das Mati eigentlich?
Der Begriff „Mati“ (griechisch: μάτι) bedeutet wörtlich einfach nur „Auge“. Doch wenn Griechen davon sprechen, meinen sie fast immer das „Kako Mati“, der böse Blick. Dabei handelt es sich um eine Form negativer Energie, die von einer Person auf eine andere übertragen wird.
Aber wie funktioniert das genau? In der griechischen Volksvorstellung – deren Wurzeln bis in die Antike reichen – ist das Auge nicht nur ein Empfänger von Bildern, sondern ein Sender von Energie. Stell es dir wie einen Projektor vor: Wenn jemand eine extrem starke Emotion empfindet, bündelt sich diese Energie im Blick.
Interessanterweise muss diese Übertragung gar nicht bösartig gemeint sein. Natürlich spielt Neid eine Rolle – der missgünstige Blick auf das neue Auto des Nachbarn. Aber oft passiert es aus purer, überbordender Liebe oder Begeisterung. Wenn jemand „zu intensiv“ schaut, „saugt“ er quasi unbewusst Energie vom Gegenüber ab oder überlädt ihn damit.
Das ist der Grund, warum besonders Kinder, hübsche Frauen oder Männer, die gerade vor Kraft strotzen, als besonders gefährdet gelten. Ein ehrlich gemeintes „Oh, was für ein wunderschönes Baby!“ wirkt wie ein energetischer Scheinwerfer, der zu hell eingestellt ist. Ohne den nötigen „Schutzmechanismus“ bringt dieser intensive Fokus das Gleichgewicht des Kindes durcheinander – es beginnt zu schreien oder wird fiebrig.
Symptome – Wie sich der Böse Blick bemerkbar macht
Wie erkennt man nun, ob man einfach nur einen schlechten Tag hat oder ob der böse Blick auf einen geworfen wurde? Die Liste der Symptome ist lang und unspezifisch, was Skeptiker natürlich als Beweis für die Einbildungskraft anführen würden. Für „Kenner“ ist die Sache jedoch meist glasklar.
Das klassische Anzeichen sind plötzliche, stechende Kopfschmerzen, die sich oft im Bereich der Stirn oder hinter den Augen festsetzen. Dazu gesellt sich eine unerklärliche Schläfrigkeit oder Schwindelgefühl. Man fühlt sich, als hätte jemand den Stecker gezogen. Bei Kindern äußert sich das Mati oft durch ununterbrochenes Weinen ohne erkennbaren Grund.
Ein Symptom jedoch sorgt selbst in ernsten Situationen oft für Erheiterung: das Gähnen. Es gilt als eines der sichersten Indizien. Wenn du plötzlich anfängst, ununterbrochen zu gähnen, obwohl du ausgeschlafen bist, schrillen bei deiner griechischen Begleitung die Alarmglocken. Und das Kurioseste daran: Sobald jemand beginnt, dich von diesem Fluch zu befreien, springt das Gähnen oft wie ein Funke über. Doch dazu gleich mehr.
Xe-Matiasma – Die Kunst der Heilung
Wenn der böse Blick diagnostiziert ist, muss gehandelt werden. Der Prozess der „Heilung“ nennt sich „Xe-matiasma“ (griechisch: ξεμάτιασμα). Es gibt unzählige Varianten, die sich von Region zu Region und von Familie zu Familie unterscheiden, aber fast immer sind Frauen die Hüterinnen dieses Wissens.
Der Öl-Wasser-Test – Physik oder Magie?
Die wohl bekannteste Methode ist das Ritual mit Wasser und Öl. Ich selbst konnte es leider noch nie live beobachten, aber es wird mir immer wieder in denselben faszinierenden Details geschildert. Man nehme ein Glas oder einen tiefen Teller mit Wasser. Die „Heilerin“ – oft die Großmutter oder Tante – spricht leise Gebete, bekreuzigt das Opfer und lässt dann vorsichtig einen Tropfen Olivenöl in das Wasser fallen.
Nun entscheidet sich das Schicksal: Bleibt das Öl als kompakter Tropfen an der Oberfläche schwimmen, ist alles in Ordnung. Löst sich der Tropfen jedoch auf, zieht Schlieren oder sinkt gar (was physikalisch bei Öl eigentlich unmöglich sein sollte) nach unten, ist der Befund eindeutig: Der böse Blick hat zugeschlagen. Je wilder sich das Öl verhält, desto stärker ist der Fluch.
Die geheimen Gebete und das große Gähnen
Was während dieses Tests passiert, ist für Außenstehende oft schwer zu begreifen. Die Frau murmelt Gebete, deren genauer Wortlaut ein streng gehütetes Geheimnis ist. Man sagt, diese Worte dürfen nur vom anderen Geschlecht weitergegeben werden – also von Mann zu Frau oder Frau zu Mann –, sonst verlieren sie ihre Kraft.
Und hier kommt das Gähnen wieder ins Spiel. Während die Heilerin betet, beginnt sie oft selbst, herzhaft und unkontrollierbar zu gähnen. Tränen laufen ihr über das Gesicht. Für die Umstehenden ist das der Beweis: Sie zieht die negative Energie aus dem Betroffenen heraus.
Je mehr die Heilerin gähnt, desto stärker war der böse Blick. Oft gähnen am Ende „Patient“ und „Heilerin“ um die Wette – ein Schauspiel, das die Anspannung der Situation oft mit einem befreienden Schmunzeln auflöst.
Sobald das Ritual beendet ist und die negative Energie „abgeflossen“ ist, verschwinden die Kopfschmerzen oft so schnell, wie sie gekommen sind. Ein Placebo-Effekt? Magie? Für die Griechen spielt das keine Rolle – Hauptsache, es hilft.
Schutzmaßnahmen – Wie man sich wappnet
Da man nie weiß, wessen Blick einen treffen könnte, setzen die Griechen auf Prävention. Vorsicht ist besser als Kopfschmerzen.
Das blaue Auge – Vom Talisman zum Souvenir
Es ist das wohl bekannteste Symbol Griechenlands neben der Akropolis: das blaue Auge aus Glas, das „Mataki“. Man findet es überall. Als Anhänger an Halsketten, als Armband, als riesige Wanddekoration oder als kleiner Anstecker an der Kleidung von Babys.
Warum Blau? Eine Theorie besagt, dass in früheren Zeiten Menschen mit blauen Augen in der Ägäis-Region selten waren (etwa Kreuzritter oder Händler aus dem Norden). Man sagte ihnen nach, dass ihr Blick besonders mächtig und unheilvoll sei. Das blaue Amulett soll diesen Blick quasi spiegeln und neutralisieren – Gleiches mit Gleichem bekämpfen.
Heute ist es ein modisches Accessoire, aber seine ursprüngliche Funktion als Schutzschild wird noch immer ernst genommen.
Ftou, ftou, ftou – Spucken für das Glück
Eine andere Schutzmaßnahme wirkt auf Touristen oft befremdlich bis schockierend. Stell dir vor, du machst einem Griechen ein Kompliment über sein Kind, und als Reaktion beugt er sich vor und macht „Ftou, ftou, ftou“ in Richtung des Kindes.
Keine Sorge, es wird nicht wirklich gespuckt. Es ist ein angedeutetes, trockenes Spucken, das dreimal wiederholt wird (für die Dreifaltigkeit). Dieses Ritual dient dazu, dass der böse Blick, der durch das Kompliment entstehen könnte, sofort abgewehrt wird. Man „beschmutzt“ das bewunderte Objekt symbolisch ein wenig, um es nicht zu perfekt erscheinen zu lassen und so den Neid der Götter oder der Mitmenschen fernzuhalten.
Wenn du also das nächste Mal in Griechenland angepustet wirst, nachdem du jemanden gelobt hast: Fühl dich geehrt. Es bedeutet, dass man dein Kompliment ernst nimmt, aber kein Risiko eingehen will.
Die Kirche und der Aberglaube – Ein schwieriges Verhältnis
Man könnte meinen, dass die strenge griechisch-orthodoxe Kirche solche Rituale als heidnischen Hokuspokus verdammt. Doch das Verhältnis ist komplex. Tatsächlich erkennt die Kirche an, dass der böse Blicks (Vaskania) existiert. Sie interpretiert ihn jedoch nicht als magische Kraft der Menschen, sondern als Werk des Teufels oder dämonischer Neid. Es gibt sogar offizielle Gebete gegen die Vaskania, die von Priestern gesprochen werden.
Wo die Kirche jedoch eine rote Linie zieht, sind die privaten Rituale mit Öl, Wasser und geheimen Formeln. Das wird offiziell als Aberglaube abgelehnt. Dennoch hindert das kaum eine fromme Kirchgängerin daran, nach dem Sonntagsgottesdienst zu Hause das Ölfläschchen herauszuholen, wenn der Enkel über Kopfweh klagt. In Griechenland fließen Glaube und Volksbrauch oft ineinander, ohne dass darin ein Widerspruch gesehen wird.
Fazit – Ein Teil der griechischen Seele
Ob man nun daran glaubt oder nicht: Das Mati ist mehr als nur Aberglaube. Es ist ein Ausdruck von Fürsorge. Wenn dir jemand das Mati abnimmt, nimmt er sich Zeit für dich, sorgt sich um dein Wohlbefinden und teilt (buchstäblich durch das Gähnen) deine Last. Es zeigt, wie eng die Menschen miteinander verbunden sind und wie sehr sie darauf achten, das soziale Gleichgewicht zu wahren.
Also, wenn du das nächste Mal in Griechenland bist und plötzlich gähnen musst: Vielleicht hast du einfach nur zu wenig geschlafen. Oder vielleicht hat dich gerade jemand sehr bewundert.
Hast du schon einmal unerklärliche Kopfschmerzen im Urlaub gehabt und wurdest vielleicht sogar „xe-matiast“? Erzähl mir deine Geschichte in den Kommentaren!
Wenn dich andere kuriose Bräuche aus Griechenland interessieren, schau mal da!
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