Kretische Lyra – Das Erbe des Erzengels von Anogia
- Kretische Lyra – Das Erbe des Erzengels von Anogia
- Kretische Lyra – Herkunft eines archaischen Instruments
- Klang und Bauweise – Was die kretische Lyra von einer Geige unterscheidet
- Anogia – Das Bergdorf, das die kretische Lyra weltberühmt machte
- Nikos Xylouris – Der Erzengel Kretas und sein Erbe
- Kretische Lyra heute – Zwischen Taverne und Tradition
- Fazit – Kretische Lyra bleibt der Klang Kretas
Am 29. Juli 2026 spielt im Theater Dasous in Thessaloniki eine Produktion, die in Athen bereits über 40.000 Zuschauer ins Theater lockte: „Nikos Xylouris – Der Erzengel Kretas“. Anlass ist der 90. Geburtstag des kretischen Lyra-Virtuosen, der 1980 mit nur 43 Jahren starb. Sein Instrument aber lebt weiter. Auf Kreta hört man die kretische Lyra noch heute in Tavernen, bei Hochzeiten, bei jedem Dorffest.
Ein dreisaitiges Holzinstrument aus einem Bergdorf mit heute rund 2.200 Einwohnern schickt 2026 eine ganze Theaterproduktion quer durch Griechenland. Wer verstehen will, warum, muss sich die kretische Lyra genauer ansehen: ihren Bau, ihren Klang und das Dorf, das sie hervorgebracht hat.
Kretische Lyra – Herkunft eines archaischen Instruments
Die kretische Lyra zählt zu den ältesten Streichinstrumenten Europas. Ihre Form geht auf byzantinische Schalenhalslauten zurück, wie sie bereits im 10. Jahrhundert bildlich dokumentiert sind. Verwandte Instrumente finden sich bis heute in Kalabrien, Bulgarien und der Türkei: die kalabrische Lira, die bulgarische Gadulka und die türkische Fasıl Kemençesi teilen dieselbe Grundkonstruktion.
Auf griechischem Boden ist sie vor allem auf Kreta und im Dodekanes verbreitet. Traditionell wird sie von der Laouto begleitet, einer Langhalslaute, während der Lyra-Spieler sein Instrument häufig selbst singend begleitet, oft improvisierend in kurzen Zwischenspielen – ein Stilmittel, das dem Klang seinen unverkennbaren, leicht melancholischen Charakter verleiht.
Trotz des ähnlichen Namens hat das Instrument nichts mit der pontischen Lyra aus Kleinasien zu tun; beide sind eigenständige Entwicklungen mit unterschiedlicher Form und unterschiedlichem Klang, eine Verwechslung, die selbst unter Griechenland-Kennern verbreitet ist. Das Duo aus Lyra und Laouto ist bis heute fast ausschließlich Männersache.
Klang und Bauweise – Was die kretische Lyra von einer Geige unterscheidet
Die kretische Lyra hat einen Korpus aus einem einzigen Stück Holz, meist Maulbeer- oder Pflaumenholz. Einheimische Instrumentenbauer schwören darauf, dass altes, gut abgelagertes Holz den volleren Klang liefert; manche Instrumente werden über Jahrzehnte weitervererbt, vom Vater an den Sohn, zusammen mit dem Wissen um ihre Pflege.
Gespielt wird die kretische Lyra aufrecht auf dem Knie oder Oberschenkel, nicht unter dem Kinn wie eine Geige. Auch die Grifftechnik unterscheidet sich grundlegend: Statt die Saiten mit der Fingerspitze aufs Griffbrett zu drücken, berühren Lyra-Spieler sie seitlich, mit dem Nagel oder der Fingerseite. Das erzeugt den rauen, leicht nasalen Ton, den man auf Kreta sofort wiedererkennt.
Lyra-Bauer und -Spieler wie Kostas Mountakis und Thanasis Skordalos aus der Region Rethymno legten nach dem Zweiten Weltkrieg die musikalischen Grundlagen, auf denen die heutige Musiktradition der Insel aufbaut.
Anogia – Das Bergdorf, das die kretische Lyra weltberühmt machte
Über 700 Meter hoch an den Hängen des Psiloritis liegt Anogia, eineinhalb Autostunden sowohl von Heraklion als auch von Rethymno entfernt. Die kretische Lyra hat in Anogia bis heute ihre Hochburg. Aus dem Dorf stammt Nikos Xylouris, im Volksmund Psaronikos genannt, dazu seine Brüder Antonis (Psarantonis) und Yiannis (Psarayiannis), beide ebenfalls bekannte Lyra-Spieler.
Der Name Psaronikos verrät mehr, als er zunächst preisgibt: Er leitet sich vom griechischen Wort für Fischer, psaras, ab – ebenso wie Psarantonis und Psarayiannis bei seinen Brüdern. Ein Spitzname mit maritimem Klang, ausgerechnet für eine Familie aus einem Bergdorf, 700 Meter über dem Meeresspiegel und weit von jeder Küste entfernt.
Wie genau die Xylouris-Familie zu diesem Beinamen kam, ist schriftlich nicht eindeutig überliefert; selbst griechische Musikportale verweisen dazu nur auf ein Fernsehinterview, in dem Nikos Xylouris die Geschichte selbst erzählte, ohne dass sie an anderer Stelle dokumentiert wäre.
Solche Spitznamen, auf Griechisch Paratsouklia, sind auf Kreta und anderswo in Griechenland weit verbreitet: Sie beschreiben oft ein Merkmal, einen Beruf oder ein Ereignis mehrerer Generationen zurück und werden trotzdem bis heute weitergetragen, mitunter geläufiger als der eigentliche Familienname.
Bei den Xylouris‘ hat sich Psar- so fest etabliert, dass es über Generationen weitergegeben wird: Auch der Sohn von Psarantonis, der Lautenspieler Giorgis Xylouris, trägt es als Psarogiorgis weiter. Am 17. Januar 2026 starb zudem Yiannis Xylouris, Psarayiannis, im Alter von 83 Jahren – ein Verlust, der die diesjährige Tournee zu Ehren seines Bruders zusätzlich beschwert.
Anogia liegt nahe der Ideon-Höhle, die sich mit einer zweiten Höhle die Ehre teilt, Geburtsort des Zeus gewesen zu sein. Bis heute lebt das Dorf von Schaf- und Ziegenzucht – rund 100.000 Tiere weiden im Sommer auf der nahen Nida-Hochebene – und von Weberei, die die Frauen des Ortes in einem Kollektiv vermarkten.
Anogia trägt aber auch eine dunklere Geschichte: Am 13. August 1944 zerstörte die Wehrmacht das Dorf vollständig, als Vergeltung für die Entführung des deutschen Generals Heinrich Kreipe und für Partisanenaktivität in der Region. 117 Einwohner wurden exekutiert. Anogia wurde nach dem Krieg wieder aufgebaut und gilt seither als eines der widerstandsreichsten Dörfer Kretas.
Wie eng Ehrenkodex, Isolation und Tradition in den Bergdörfern des Psiloritis miteinander verwoben sind, zeigt sich auch im benachbarten Vorizia, über dessen Familienfehde wir bereits berichtet haben.
Nikos Xylouris – Der Erzengel Kretas und sein Erbe
Nikos Xylouris wurde am 7. Juli 1936 in Anogia geboren. Mit zwölf Jahren erhielt er seine erste Lyra, mit siebzehn spielte er bereits professionell in der Musikgaststätte Kastro in Heraklion. 1966 vertrat er Griechenland beim Festival von San Remo, später vertonte er den Erotokritos, das große kretische Versepos. Seine Zusammenarbeit mit dem Komponisten Yannis Markopoulos brachte einige der bekanntesten Protestlieder gegen die Militärdiktatur hervor.
Am 17. November 1973 trat er während der Studentenrevolte im Athener Polytechnikum auf, umstellt von Panzern der Junta, und sang das alte kretische Freiheitslied „Pote tha kani xasteria“. Wenige Monate später begann der Sturz der Diktatur – Xylouris wurde zum Volkshelden.
Den Beinamen „Erzengel“ verdankt er übrigens nicht in erster Linie seiner Musik, sondern der Bühne im engeren Sinne: Der Überlieferung nach prägte ihn die Schauspielerin Jenny Karezi im Sommer 1973, als Xylouris in ihrer Produktion „Das große Zirkus“ am Athener Theater Athinaion auftrat und sie über ihn sagte, er habe „eine geradezu erzengelhafte Erscheinung“.
Eine zweite, ebenso oft zitierte Quelle nennt einen anderen Ursprung: eine Mantinada, ein Trauergedicht, das ein befreundeter Jurist aus Heraklion nach seinem Tod verfasste und das ihn als von Erzengeln in den Himmel geleitet beschreibt. Welche Version zuerst existierte, lässt sich nicht abschließend klären; vermutlich verstärkten sich beide Erzählungen gegenseitig, bis der Titel untrennbar mit seinem Namen verschmolz.
Er starb am 8. Februar 1980 in Piräus, mit nur 43 Jahren, an einem Gehirntumor. Zum 90. Geburtstag widmet ihm die Produktion „Nikos Xylouris – Der Erzengel Kretas“ 2026 eine Sommertournee durch ganz Griechenland, nach einer ausverkauften Spielzeit in Athen. Die Tour führt unter anderem noch nach Thessaloniki, Kalamata und bis nach Ioannina im September; Details listet Griechenland.net auf. Auf der Bühne bleibt die kretische Lyra das zentrale Instrument, mit dem Xylouris‘ Lieder neu arrangiert werden.
Kretische Lyra heute – Zwischen Taverne und Tradition
Die kretische Lyra wird bis heute meist in Handarbeit gebaut, oft von Instrumentenbauern, die das Handwerk von ihrem Vater übernommen haben.
Junge Kreter lernen sie in der Regel informell, direkt in der Familie, seltener an einer Musikschule. Reisende hören die kretische Lyra am ehesten bei einem echten Dorffest, einem Glendi, seltener bei touristisch inszenierten Taverna-Abenden, die oft nur eine verkürzte Version des Repertoires bieten.
Warum Musiker das Instrument bis heute aktiv in neue Musik einbauen, hat mehrere Gründe. Zum einen ist kretische Musik modal aufgebaut, folgt also alten byzantinischen und östlichen Tonwegen statt der westlichen Dur-Moll-Logik – das verschafft der Lyra einen unverwechselbaren Klangraum, den weder Gitarre noch Klavier eins zu eins ersetzen können.
Zum anderen gilt die kretische Musiktradition unter Musikethnologen als eine der lebendigsten Griechenlands, weil sie sich laufend weiterentwickelt und aktuelle Themen aufgreift, statt im Museum zu verharren: Mantinaden, die traditionellen Vierzeiler, werden bis heute live improvisiert und kommentieren, was gerade auf der Insel oder in der Welt passiert.
Für viele junge Kreter ist das Spielen der Lyra deshalb weniger Folklore als aktive Identitätsbehauptung – ein hörbares Bekenntnis zu Anogia, zu Xylouris und zu einer Insel, die ihre eigene Stimme nicht verlieren will. Zur internationalen Bekanntheit des Instruments trug auch der Musiker Ross Daly bei, der die musikalische Leitung des kretischen Programms der aktuellen Xylouris-Tournee übernimmt und die kretische Lyra seit Jahrzehnten mit anderer Weltmusik verbindet.
Auch die Musikerin Georgia Dagaki brachte das Instrument bei Konzerten des Rockmusikers Eric Burdon auf internationale Bühnen. Wer tiefer einsteigen will, findet auf Wikipedia eine detaillierte technische Einordnung des Instruments, seiner Verwandten und seiner Bauweise. Jedes Jahr im Juli erinnert zudem ein Volksmusikfestival in Anogia an Xylouris und hält damit auch die Musiktradition lebendig, die sein Instrument bis heute trägt.
Fazit – Kretische Lyra bleibt der Klang Kretas
Die kretische Lyra ist kein museales Relikt. Sie ist klingende Erinnerung an Anogia, an Xylouris und an ein Kreta, das laut singt statt zu schweigen. Sie hat zwei Weltkriege, eine Militärdiktatur und den Massentourismus überstanden – sie wird auch die nächste Generation überstehen. Wer die Insel bereist, muss nicht extra danach suchen: Man hört sie fast zwangsläufig, sobald abends in einem Dorf ein Fest beginnt. Wart ihr schon einmal bei einem echten kretischen Glendi und habt sie live gehört? Schreibt es gerne in die Kommentare.
Bildnachweise:
Stag_diki.jpg von Objective r, CC BY-SA 3.0 CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Chainides.JPG von Badseed, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Anogeia_3.jpg von Tomisti, CC BY-SA 4.0 BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Psarantonis_in_2006_8254325.jpg von Nomo assumed (based on copyright claims)., CC BY-SA 2.5, via Wikimedia Commons
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